Bitte mehr Radparkplätze!
Parkverbote lösen Probleme nicht

30.08.08

Im direkten Bahnhofsumfeld fehlt es an freizugänglichen Fahrradstellplätzen.



Von den über 3.000 Plätzen in der Radstation werden allein knapp 80 % von Dauerkunden belegt.



Kein Durchkommen in der Windthorststraße. Viele herrenlose Fahrräder blockieren wertvollen Parkraum.


WN, Münster | In einem Interview äußert sich Hajo Gerdemann vom ADFC in Münster zum Fahrradparken, zu verstopften Abstellanlagen, behindernt abgestellten Fahrrädern und über gesetztliche Regelungen, die dem Missbrauch anheimfallen können, wenn sie einseitig ausgelegt werden. Der ADFC sieht vorrangig Vermieter, Kaufleute, Bauherren, Architekten und Bauordnungsamt in der Pflicht, Fahrradstellplätze zu schaffen.

Das Verwaltungsgericht Münster hat entschieden, dass der Fahrradkontrolldienst der Stadt nicht mehr so rigide gegen vermeintlich ordnungswidrig abgestellte Fahrräder vorgehen darf wie bisher. Über dieses Urteil und die Probleme mit geparkten Fahrrädern generell sprach der Redakteur der Westfälischen Nachrichten Martin Kalitschke mit Hans-Joachim Gerdemann, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Münster, und Werner Schulik, Fachstellenleiter der Straßenverkehrsbehörde

    Herr Gerdemann, welchen Fahrradparkplatz bevorzugen Sie vor dem Bahnhof - die Radstation oder den Bereich neben dem Haupteingang?

Gerdemann: Das kommt darauf an, was ich vorhabe. Wenn ich mit der Bahn reise, parke ich in der Radstation. Wenn ich nur ein Brötchen holen möchte, ist mir die Radstation hingegen zu aufwendig.

    Es gibt Radler, die ihren Drahtesel auch länger als für ein Brötchen neben dem Haupteingang parken.

Gerdemann: Nachzuvollziehen ist das, das Fahrrad bietet halt den Vorteil, von Haustür zu Haustür fahren zu können. Natürlich muss das nicht immer richtig sein, und wenn andere gefährdet werden, geht das sowieso nicht.

    Herr Schulik, wo würden Sie Ihr Rad abstellen?

Schulik: Vor dem Bahnhof mit Sicherheit nicht. In der Radstation oder, wenn es nur für kurze Zeit ist, in einem Fahrradständer an der Windthorststraße.
Gerdemann:
Da würde ich mein Rad auch gerne abstellen. Aber das geht nicht, weil die völlig dicht sind. Da stellt sich die Frage: Handelt es sich wirklich um Räder, die ständig bewegt werden?

    Oder vielleicht doch um Fahrradleichen?

Schulik: Wir haben versucht, das Problem zu lösen. Vor ein paar Jahren gab es eine Kurzzeitregelung für die Windthorststraße, die Räder durften maximal 24 Stunden parken. Doch wir haben diese Regelung zurückgezogen, weil die Straßenverkehrsordnung nicht vorsieht, das Fahrradparken zu reglementieren. Damit haben wir keine Möglichkeit mehr, eine Fahrradparkregelung umzusetzen.

    Gar keine?

Schulik: Wir können Räder entfernen, die absolut fahruntüchtig sind. Das macht die Stadt auch regelmäßig, 450 Schrotträder werden pro Jahr im Stadtgebiet entfernt.

    Dennoch sind die Fahrradständer, unter anderem am Bahnhof, nach wie vor voll.

Gerdemann: Es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, eine gesetzliche Handhabe zu schaffen. In unserem Verband gibt es mittlerweile durchaus Sympathien für Kurzzeitparken und Parkverbote.

    Das war nicht immer so.

Gerdemann: In den letzten Jahren hat in vielen Städten, auch in Münster, der Fahrradverkehr zugenommen. Allerdings muss klargestellt werden, wann man mit dieser Regelung arbeiten darf - und wann nicht. Es kann nicht sein, dass eine Kommune, die mit dem Thema wenig verantwortungsvoll umgeht, einfach Parkverbote erlässt.
Schulik:
Ich kann mir jedenfalls eine gesetzliche Regelung sehr gut vorstellen - und auch die Probleme, die der ADFC sieht, nachvollziehen. Es ist nicht auszuschließen, dass es Städte gibt, die eine solche Regelung ausnutzen könnten. Sie müsste daher mit entsprechenden Verwaltungsvorschriften belegt werden.

    Was wünschen Sie sich für den Bahnhof?

Schulik: Der Eingangsbereich muss ganz klar mit einem Verbot belegt werden können, und in der Windthorststraße sollten Kurzzeitparkmöglichkeiten eingerichtet werden.
Gerdemann: Der ADFC sieht das genauso. Ich hoffe allerdings, dass sich auch Vermieter, Kaufleute, Bauherren, Architekten und Bauordnungsamt zukünftig stärker engagieren. Auch sie sind dafür zuständig, Stellplätze zu schaffen, denn Fahrradfahrer sind die besten Kunden für die Innenstadt.

    Gibt es denn in Münster generell zu wenig Stellflächen?

Gerdemann: Es gibt ganz konkrete Beispiele, wo nicht an Räder gedacht wurde - an den Arkaden zum Beispiel. Die dortige Radstation ist nur schlecht zu finden, die Möglichkeit zu werben  begrenzt. Die aktuelle Auslastung liegt daher gerade mal bei fünf bis zehn Prozent.

    Ihr Vorschlag?

Gerdemann: Die Arbeitgeber in den Arkaden könnten sich zum Beispiel an den Parkkosten ihrer Mitarbeiter beteiligen.

    Wird es aber nicht trotzdem immer Radfahrer geben, die ihr Rad abstellen, wo sie wollen?

Schulik: Sicher, die wird es immer geben. Eine Sache der Erziehung ist es allerdings, dass sie ihre Räder nur dort abstellen, wo sie nicht anderen im Weg stehen - zum Beispiel Rettungsfahrzeugen, Kindern, Senioren. Im Übrigen stimme ich Herrn Gerdemanns Vorschlag zu, durchaus auch auf die Arbeitgeber zuzugehen.
Gerdemann: So wird nicht zuletzt Platz für Kunden geschaffen.

    Immerhin eine Idee - aber eine endgültige Lösung des Fahrradparkproblems wird es wohl erst geben, wenn die Straßenverkehrsordnung geändert wird, oder?

Gerdemann: Wir können nur appellieren, Räder nicht rücksichtslos abzustellen - und anregen, mehr Fahrradstellplätze einzurichten. Das wäre schon mal ein wichtiger erster Schritt.
Schulik: Und das Ordnungsamt wird weiterhin Räder, die eine Gefährdung darstellen, entfernen. Außerdem werden unsere Ein-Euro-Kräfte, soweit die personelle Möglichkeit besteht, auch weiterhin Fahrräder ordnen, damit der verfügbare Platz für Fahrradparker optimal ausgeschöpft wird. Im Übrigen werden wir das Urteil des Verwaltungsgerichts prüfen und dann entscheiden, ob wir in Berufung gehen - oder vielleicht zusammen mit dem ADFC ein Gesetzgebungsverfahren einleiten...
Gerdemann: ...bei dem die Radfahrer nicht - im wahrsten Sinne des Wortes - unter die Räder kommen dürfen. Das ist durchaus ein Spagat, der uns dabei gelingen muss.


Westfälischen Nachrichten, 30.8.2008 | von Martin Kalitschke
Mit freundlicher Genehmigung


© 2012 ADFC Kreisverband Münster/Münsterland e. V.