Poller wurden entfernt – nach zahlreichen Pollerunfällen auf dem Vennbahn-Radweg

17.04.14
Polleralternativen Vennbahn-Radweg

Polleralternativen Vennbahn-Radweg


Ergebnisse der Online-Aktion des ADFC Aachen

Nachdem die regionale Presse in Belgien und Deutschland Ende 2013 ausführlich von der Online-Umfrage des ADFC Aachen bezüglich der Gefahrenquelle "Poller" auf dem Vennbahn-Radweg berichtete, meldeten sich zahlreiche Menschen mit ihren Unfallberichten. Seit der Eröffnung des neuen Vennbahn-Radweges bis Ende 2013 sind dem ADFC Aachen inzwischen 42 Poller-Unfälle bekannt, von einer deutlich höheren Dunkelziffer ist jedoch auszugehen.

Die Unfälle fanden in allen Abschnitten des Vennbahn-Radweges zwischen Aachen und Kalterherberg statt. Auffällig war eine hohe Anzahl von Unfällen an den Straßenquerungen im Gemeindegebiet Roetgen, obwohl dort vermeintlich gut sichtbare rot/weiß-gestreifte Poller inklusive weißer Fahrbahnmarkierung verbaut wurden. Die Schwere der gemeldeten Unfälle variierte zwischen leichten Stürzen mit Prellungen und Hautabschürfungen bis zu schweren Unfällen mit anschließendem Krankenhausaufenthalt und mehrwöchiger Arbeitsunfähigkeit. Bei einigen Unfällen kam es zum Einsatz eines Notarztwagens und einmal musste sogar ein Rettungshubschrauber die verletzte Person bergen.

Die meisten Pollerunfälle ereigneten sich bei Gruppenfahrten im Freundeskreis oder mit der Familie. Durch die vorderen Fahrer wurden die Poller verdeckt, so dass die hinteren Fahrer dem plötzlich auftauchenden Hindernis nicht mehr ausweichen konnten. Viele Unfälle passierten im Kreuzungsbereich bei querenden Straßen, da sich die Aufmerksamkeit der Radfahrer auf herannahende Fahrzeuge konzentrierte und dabei die mittig im Weg stehenden Poller übersehen wurden. Zahlreiche Radfahrer waren auch durch Hinweisschilder im Kreuzungsbereich abgelenkt, sind dabei geringfügig von der geraden Linie abgewichen und dann an einem Poller mit Lenker oder Pedalen hängen geblieben.

Weiterhin wurden dem ADFC Aachen fünf Poller-Unfälle von Radwegen aus anderen Regionen in Deutschland gemeldet. In den Niederlanden führte die Universität Groningen eine Untersuchung zu den Ursachen von Alleinunfällen von Radfahrern durch. Hierbei stellte sich heraus, dass die Poller auf Radwegen einen erheblichen Anteil an den Unfällen ohne Fremdverschulden haben. Die Folgen der Unfälle können im Einzelfall erheblich sein. In den Niederlanden verunglücken jedes Jahr mehrere Menschen tödlich an Pollern. Letztere werden insbesondere von älteren Personen aufgrund der zumeist schlechteren Augen nicht so gut erfasst. Durch eine geringere Reaktionsgeschwindigkeit im Alter können Ausweichmanöver zudem schlechter durchgeführt werden. Die Unfallfolgen sind bei älteren Menschen häufig schwerer und die Heilung ist langwieriger. In Zeiten der älter werdenden Gesellschaft sollte auf diese Personengruppe besondere Rücksicht genommen werden.

Die deutlich negativen Auswirkungen von Pollern auf die Radverkehrssicherheit sehen auch die Fachleute der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). Gemäß dem Standardwerk für die Planung von Radverkehrsanlagen (Empfehlung für Radverkehrsanlagen, ERA 2010 der FGSV) sind Poller "nur gerechtfertigt, wenn der angestrebte Zweck mit anderen Mitteln nicht erreichbar ist und die Folgen eines Verzichtes die Nachteile für die Radverkehrssicherheit übertreffen". Die Rechtsprechung der Gerichte stuft Poller regelmäßig als Verkehrshindernis im Sinne von § 32 StVO ein. Das bedeutet, dass die auf Radwegen üblichen Poller gegen falsch fahrende Autofahrer in jeder Hinsicht rechtswidrig sind. Der Rechtsanwalt Dr. Dietmar Kettler, Verfasser des Fachbuchs "Recht für Radfahrer", betont: "Die Behörde die solche Hindernisse [Poller] aufstellt, haftet für Unfälle". Bei vom ADFC Bundesverband zertifizierten Premiumradwegen werden daher deutliche Punktabzüge für den Einbau von Pollern bei der Bewertung von Radwegen vorgenommen.

Bei einem Gespräch Anfang Februar zwischen den Verantwortlichen der Städteregion Aachen und Vertretern des ADFC Aachen wurden die Ergebnisse der Online-Umfrage im Detail vorgestellt. Es wurde vereinbart, dass möglichst vor Beginn der Fahrradsaison Lösungen für die mangelhafte Verkehrssicherheit im Bereich der Poller gefunden werden müssen. Der ADFC Aachen unterbreitete zwei Vorschläge, die ein Befahren des Vennbahn-Radweges durch Kraftfahrzeuge wirksam verhindern und zugleich die Poller verzichtbar machen. Die Städteregion wies darauf hin, dass es aufgrund der komplizierten Gemengelage bei den Zuständigkeiten gegebenenfalls Schwierigkeiten bei der Umsetzung geben könnte, da drei Stellen für den Vennbahn-Radweg Ansprechpartner sind.

Die Städteregion war für den Bau des Vennbahn-Radweges zuständig, hat diesen jedoch nach Fertigstellung im Abschnitt Roetgen bis Kalterherberg an Belgien übergeben, da das Gebiet belgisches Staatsgebiet ist. Als dritte Behörde sind die örtlichen Gemeinden gemäß Vertrag für die Verkehrssicherungspflicht zuständig (z. B. Beseitigung von Laub). Gemäß Aussage der Städteregion sind bei baulichen Änderungen am Vennbahn-Radweg diese mit den Belgiern abzustimmen. Nach Einschätzung des ADFC Aachen sollte die Städteregion jetzt kurzfristig Gespräche mit den anderen Verantwortlichen suchen, um vor Beginn des Sommers den Mangel im Hinblick auf die Verkehrssicherheit beim Vennbahn-Radweg zu beseitigen.

Der ADFC Aachen ruft alle Radfahrer weiterhin dazu auf, Poller-Unfälle über das Online-Formular zu melden. Die Aktion wird solange fortgeführt, bis alle Poller innerhalb der Fahrbahn des Vennbahn-Radweges zwischen Aachen und Troisvierges in Luxemburg demontiert sind. Denn nur ein für alle Nutzer sicherer Weg kann ein Premiumradweg sein!

NACHTRAG:

Am 4. Juni 2014 informierte die Städteregion Aachen per Pressemitteilung, dass die Poller kurzfristig demontiert werden. Es soll sich zunächst um eine Testphase handeln. In den kommenden Monaten sollen alternative Lösungen diskutiert werden, welche ein eventuell auftretendes Befahren der Vennbahn mit Kraftfahrzeugen verhindern. Wir sind gespannt, ob unsere Vorschläge hierbei berücksichtigt werden.

Bei einer Befahrung von Kalterherberg bis Aachen wurde am 26. Juni nur noch ein Mittelpoller gesichtet: Bei Walheim, Kreuzung Vennbahnradweg - Hahner-Straße.

 

 

Norbert Rath

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